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AZ-Bingen vom 30.07.2013 - BINGEN/OSTHOFEN
Von Erich Michael Lang

Der systematischen Deportation und Ermordung der Juden in Deutschland ging in der Zeit des Nationalsozialismus eine nicht weniger systematisch betriebene Enteignung der jüdischen Mitbürger voraus. Neuere Forschungen haben nachgewiesen, dass praktisch von Anfang an ab 1933 durch entsprechende Gesetzgebung und Mitwirkung vor allem der Finanzämter Juden um ihr Hab und Gut gebracht wurden.

Legalisierter Raub

Davon profitierten nicht selten Bürgerinnen und Bürger im Umfeld, die sich den „nichtarischen Besitz“ aneignen konnten. Die Ausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen und Rheinhessen 1933-1945“, die vom 16. Januar bis 1. Juni 2014 in der Gedenkstätte KZ Osthofen zu sehen sein wird, dokumentiert dieses Kapitel deutscher Geschichte (wir berichteten).
Beate Goetz vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen macht aber auch auf einen Aspekt aufmerksam, der dabei nicht in Vergessenheit geraten darf: Unter dem Druck der Behörden und in der beginnenden offenen Verfolgung haben sich viele Juden entschlossen, Erinnerungsstücke, Fotos, Dokumente oder Wertgegenstände Nachbarn und Bekannten zur Aufbewahrung zu geben. „Manche dachten, sie kehrten irgendwann zurück“, so Goetz. Auch verschenkten Juden das, was ihnen lieb war, lieber an Bekannte, anstatt dass es den Nazis in die Hände fiel. So blieb an vielen Orten auch in dieser Hinsicht ein Stück Erinnerung an die Menschen zurück, die in den Vernichtungslagern schließlich ermordet werden sollten.
Diese Erinnerung ist auch in Bingen von unschätzbarem Wert, zeugen doch so gut wie keine Gegenstände, Dokumente oder auch liturgisches Gerät von der einst so bedeutsamen jüdischen Gemeinde. Einzig eine Thora-Rolle soll heute noch in der Gemeinde in Mainz, von der die Rechtsachfolge der Binger Gemeinde angetreten wurde, in Gebrauch sein, weiß Goetz.
Die Ausstellung im Januar in Osthofen versteht sich nicht als statische Dokumentation. Vielmehr hoffen die Macher darauf, auch mit Unterstützung des Vereins Jüdisches Bingen, Zeitzeugen zu bewegen, von ihren Erlebnissen zu berichten. Denkbar ist auch, dass es in Bingen ebenso zu Überlassungen von Dokumenten oder Gegenständen kam, kleine, aber bedeutsame Geschichten, von denen bislang nur die unmittelbar Betroffenen etwas wissen. „Manche Juden haben am Ende wirklich das Letzte einfach verschenkt.

Natürlich behandeln wir entsprechende Hinweise gerne auch vertraulich“, so Goetz.

Dr. Josef Götten vom Verein koordiniert die Informationen und sammelt auch für die Ausstellung Dokumente und Sachgegenstände. Wer ein Zeitzeugnis besitzt oder etwas über diese Zeit der schleichenden Enteignung zu berichten weiß, kann sich mit ihm in Verbindung setzen.
In der Gedenkstätte KZ Osthofen wird die Ausstellung gezeigt.

VERSCHOLLEN

Als verschollen gilt noch immer ein Großteil des Inventars der Binger Synagoge. Heute noch vorhanden sind eine Thora-Rolle und der Bauplan der Synagoge. Offenbar wurde ein Teil des Inventars noch in Sicherheit gebracht, bevor die Synagoge am 10. November 1938 in Flammen aufging. „Hunderte von Menschen“ seien in das Gotteshaus eingedrungen und hätten es zerstört, heißt es in einem Bericht der Neuen Mainzer Zeitung vom 16. April 1946. In dem gleichen Beitrag werden auch Gegenstände aus der Synagoge benannt, die der Zerstörungswut entgangen sind: Tücher, Silbergegenstände, Hörner, Betriemen, Gebetsrollen, Schöpfkellen, Bücher, eine Aufsatzspitze aus Messing mit Glöckchen und Altardecken. Diese Gegenstände seien in den Besitz der Binger Kriminalpolizei übergegangen; damals lief ein Ermittlungsverfahren wegen des Pogroms. Nachforschungen haben Jahre später aber zu keinem Ergebnis geführt. Die meisten der Gegenstände gelten seitdem als verschollen.