. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Vortrag Prof. Dr. Bingen am 2. Oktober 2013 im Gedenkraum - Arbeitskreis Jüdisches Bingen

Wurzeln gehen auf die Rabbinerfamilie Mehler zurück

Viele Jahre ist es her, als Professor Dr. Dieter Bingen die Initiative für eine wissenschaftliche Dokumentation des Binger Jüdischen Friedhofes ergriff. Grund war, dass er als Ergebnis von genealogischen Nachforschungen, Gräber seiner Vorfahren auf diesem Friedhof fand. Jetzt reifte in ihm die Idee, die Ergebnisse dieser Nachforschungen an Interessierte weiterzugeben. Hier kam nun sein Name „Bingen“ ins Spiel und die damalige Verbindung zur gleichnamigen Stadt, Bingen am Rhein. Ideen als solches sind durchaus gut, interessant wird es aber erst, wenn sie umgesetzt werden. Seine frühere Verbindung nach Bingen nutzte der Professor. Damals war die Binger Bürgermeisterin Brigitte Giesbert Ansprechpartnerin, jetzt war es der Vorsitzende des Arbeitskreises Jüdisches Bingen (AKJB), Hermann-Josef Gundlach. Er nahm gerne das Angebot von Prof. Dr. Bingen an, über genealogische Nachforschungen zu seinem Namen zu berichten.
Oberbürgermeister Thomas Feser ließ es sich nicht nehmen, den Gast aus Darmstadt, dort Direktor des Deutschen Polen Institutes, persönlich zu begrüßen. Er bezog sich auf die Berichterstattung in der AZ und bedauerte, dass Rheinland-Pfalz sich nicht mehr an der Finanzierung des Deutschen Polen Institutes beteiligen will.

Die Zahl der Besucher in der Erinnerungs- und Begegnungsstätte in der ehemaligen Binger Synagoge zeigte sowohl das Interesse an der Person als auch am Thema des Referates. Mit Freude konnte Gundlach feststellen, dass der Raum in der Synagoge bis zum letzten Platz besetzt war. Neben Mitgliedern des Arbeitskreises waren auch viele andere interessierte Binger Bürger gekommen.
In seinem Vortrag beleuchtete Prof. Bingen die Geschichte seiner Familie, die auf den herausragenden Binger Rabbiner mit dem Namen Juda Mehler II (1660-1751 Bonn) aber auch auf den Binger jüdischen Arzt Coppel Mehler (1671-1741) zurück-geht. Ein Bild bzw. eine Kopie eines Bildes von Coppel Mehler, der in Padua Medizin studierte, brachte Prof. Bingen mit. Er erläuterte auch, dass, erst nachdem die Rabbinerfamilie aus Bingen nach Bonn wegzog, der Name Bingen angenommen wurde. So war der in Bingen gebürtige Samuel Bingen (+ 1771 Bonn) ein Abkömmling aus der Rabbinerfamilie Mehler. Der erste in Bonn begrabene Bingen war Josef, Sohn des Samuel.

Die Geschichte der Familie Bingen ist die Geschichte einer Familie, die den Namen Bingen bekam nach dem sie nicht mehr in Bingen wohnte.

Das 1977 erschienene Buch, eine familienbiographische Studie vom KS Schulte, „Bonner Juden und ihre Nachkommen bis 1930“ wies nach, dass die Familie Bingen aus Bingen am Rhein kam bzw. stammte. Hermann Bingen ist der älteste in der Familie bekannte Vorfahre, der UrUrgroßvater von Prof. Dieter Bingen. Damals heirateten die großen Rabbinerfamilien oft untereinander, so dass sie – ähnlich wie europäische Adelsfamilien – mit anderen Rabbinerfamilien in Europa verwandt und verschwägert waren. So spricht man heute noch vom jüdischen Adel, zu dem auch die Familie Mehler zählte.
Die Familie Bingen hat den Namen Bingen in die Welt getragen, auch wenn die Menschen den Namen nicht mit der Stadt Bingen am Rhein verbunden haben. So haben Cousins, die Prof. Bingen vor ca. 10 Jahren kennenlernte, auch nicht gewusst, dass sich hinter dem Namen Bingen, die Stadt Bingen am Rhein verbirgt.

Interessant waren auch die Ergebnisse seiner weiteren Familienforschung, wozu die Verbindungen nach Frankreich und nach Italien zählen. So war auch Jaques Bingen, der nationale Führer der französischen Rèsistance (1908-1944), der zu den „Helden der Rèsistance“ zählt, auch ein Vorfahre des Referenten. Er, von Charles de Gaulle persönlich als Nachfolger des ermordeten Jean Molin eingesetzt, wurde später durch einen Doppelagenten verraten. Er beendete sein Leben durch Suizid um zu vermeiden in der Haft der Gestapo Namen des Widerstandes zu verraten. Jaques Bingen war ein  Schwager des Autobauers André Citroen.

Ein anderer Zweig der Familie Bingen aus Bonn ist etwa 1850 nach Genua gezogen. Zwei Brüder gründeten dort eine Bank, die „Fratelli Bingen“. Diese Bank war Ende des 19. Jahrhunderts eine der größten Privatbanken Genuas, ja sogar Italiens. Diese Brüder haben Geschichte geschrieben mit einem großartigen Aufstieg, verbunden mit ungeheurem Reichtum und der Einheiratung in eine alte Genueser Familie. Zu dieser Geschichte gehört aber auch der Abstieg der Familie durch eine Fehlspekulation die zu einem Bankencrash führte. 1895 berichtete die Presse in San Francisco „Italien Bankers wanted – Bingens of Genua…“. Ein Sohn der Familie, Gustavo Bingen, musste Genua verlassen und war nach Frankreich, Paris, verzogen. Er war der Vater von Jaques Bingen, dem bereits benannten Resistancekämpfer. Er hatte auch eine Tochter, Georgina Bingen, die den Autounternehmer Citroen heiratete, der ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammte. Georgina Bingen musste auch den Judenstern tragen, war 1940 konvertiert und überlebte die Nazizeit.
Prof. Bingen endete mit der Feststellung, dass mit der Stadt Bingen am Rhein zwei Familiennamen, die Namen Mehler und Bingen, stark verbunden sind.
Der Vorsitzende des AKJB dankte Prof. Dr. Bingen für sein Kommen. Er stellte in Aussicht, den Vortrag schriftlich zu dokumentieren.

Hermann-Josef Gundlach
Arbeitskreis Jüdisches Bingen

Vorsitzender Gundlach begrüßt zum VortragOB Thomas Feser begrüßt Prof. BingenProf. Bingen sprichtViele Gäste kamenDer Vorsitzende, Prof. Bingen und Frau GiesbertVorsitzender Gundlach dankt dem Referenten