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Misslungene Flucht - Das Schicksal von Walter und Frieda Baer — Marx aus Bingen. Beide 30 Jahre alt bei ihrer Ermordung.

Es dauerte ueber 40 Jahre bis das Schicksal von rund 1200 Fluechtlingen des sogenannten "Kladovo-Transportes" von Historikern aufgearbeitet und einer weiteren Oeffentlichkeit zugaenglich gemacht wurde. Wir wissen ueber Walter und Frieda Baer-Marx aus Bingen, dass sie im Rahmen dieses Unternehmens ueber Jugoslawien nach Palestina gelangen wollten. Unterwegs wurden sie von den Nazi Truppen eingeholt und umgebracht. Ihr genaues Einzelschicksal ist nicht bekannt. Auch Frieda's Brueder Siegfried und Julius Marx wussten eigentlich nichts Genaues ueber das Schicksal der Schwester.
Die spaete Aufklaerung der Ereignisse hat mehrere Gruende. Zum einen gab es keine Ueberleben-den, die Moerder schwiegen selbstverstaendlich ueber ihre Untaten und die Organisatoren der Rettungsbemuehungen wurden des Versagens beschuldigt.
Hier ist es angebracht, die Hintergruende kurz auszuleuchten, bevor wir den Ablauf der Tragoedie beschreiben. Nach der Machtergreifung durch die Nazis wurden die Juden Deutschlands schrittweise entrechtet, entwuerdigt, gequaelt und beraubt. Der einzige Ausweg schien die Auswanderung , doch die Welt verschloss sich den Juden. Eine der letzten Hoffnungen setzten die deutschen Juden auf Palestina, damals von den Briten verwaltet als Nachfolger des besiegten Ottomanischen Reiches . Doch die Briten hatten sich verpflichtet, die juedische Einwanderung auf fuenfundsiebzig Tausend Personen waehrend fuenf Jahren zu beschraenken, also jaehrlich fuenfzehntausend Personen. Dadurch sollten die Araber beschwichtigt werden. Jede einwanderungswillige Person musste eine persoenliche Zulassung, ein sogenanntes Zertifikat, erwerben. Die Verteilung der Zertifikate oblag der Leitung der juedischen Fuehrung in Palestina, der sogenannten Jewish Agency. Diese setzte Prioritaeten: die Einwanderer sollten jung sein und ueber einen Beruf oder Geld verfuegen. Die politische Situation hingegen erforderte eine sofortige neue Heimat fuer eine halbe Million deutscher Juden. In dieser Situation beschloss die zionistische Fuehrung neben der gesetzlichen eine parallele, illegal Einwanderung zu betreiben. Es wurden Schiffe erworben die meistens ausgedient hatten, diese Schiffe wurden umgebaut und die Menschen wie Sardinen verladen und verschifft. Brittanien beherrschte das Mittelmeer und die meisten Illegalen wurden aufgebracht, eingesperrt und von der Zulassungs-Quote abgezogen.
In dieser verzweifelten Situation, nach dem Anschluss Oesterreichs ans Reich und nach dem deut-schen Ueberfall auf Polen, organisierte die zionistische Fuehrung in Wien eine Gruppe von rund 800 Jugendlichen, denen sich etwa 200 meist junge deutsche Juden anschlossen. Unter diesen befanden sich auch Walter Baer und Frieda Marx aus Bingen die vermutlich ueber die noetigen Beziehungen zu den zionistischen Organisationen verfuegten. Am 25. November 1939 bestiegen die Teilnehmer Autobusse nach Bratislava, voellig mittellos, lediglich ein Rucksack mit 8 Kg persoenlichen Utensilien war zugelassen. Schmuck oder Wertgegenstaende wurden weggenommen. Nach zehn Tagen bestiegen die Vertriebenen ein Donauschiff, die unter einer Hackenkreuzflagge flussabwaerts fahrende "Uranus". Doch nach 10 Tagen kehrte die Uranus zurueck, die jugoslawischen Behoerden verweigerten die Durchfahrt da kein Hochsee-Schiff bereit stand, dass die Reisenden von der Donaumuendung uebernehmen sollte. Die DDSG Donau Dampfschiffahrts Gesellschaft uebersetzte die Passagiere schliesslich mitten im Fluss auf drei kleine jugoslawische Schiffe , doch wiederum ging die Reise nicht weit. Diesmal verweigerten die Rumaenen die Durchfahrt. Mittlerweile fror die Donau zu. So ankerten die Schiffe in einem kleinen Hafen beim Dorf Kladovo nahe dem "eisernen Tor" ,einer Verengung der Donau. Die Lebensbedingungen waren kaum ertraeglich, Menschen schliefen auf den Fussboeden oder Baenken, die Toilettenanlagen waren der Situation nicht gewachsen, die Temperaturen fielen auf minus 20 Grad.
Dr.Max (Sime) Spitzer, der Generalsekretaer der juedischen Gemeinden des Koenigreiches Jugoslawien, kam zu Hilfe und versuchte, die schlimmsten materiellen Probleme zu loesen. "...heute Nachmittag in den naechsten Winterhafen, der von der naechsten Eisenbahnstation 54 km entfernt ist. Die Strasse ist 2000 m hoch ...praktisch heisst das, dass wir 14 Stunden brauchen um die Leute zu erreichen" berichtete Spitzer am 31.Dezember 1939 der Jewish Agency in Genf.
Nach einigen Wochen erteilten die Behoerden die Erlaubnis, dass die Fluechtlinge zu den Tagesstunden auf dem Lande spazieren gehen durften. Mitte Maerz 1940 berichtete eine amerikanische Hilfsorganisation "...sogar zwei Kinder sind geboren....bis zum naechsten Telefon sind es 8 Meilen ueber Eis...die Schiffe sind fuer Menschen total ungeeignet...die Menschen sind verzweifelt... Hunger, Ungewissheit und mangelnde Hygiene... " In diese Zeit faellt auch die letzte Postkarte von Walter Baer und Frieda Marx die Nomi (Anneliese ) Samter in Palestina erreichte.
Im Verlaufe des Mai wurde den Fluechtlingen ein Haus zugewiesen, wo sie Werkstaetten zur Be-schaeftigung und Schlafplaetze einrichteten. Unterdessen mehrten sich Geruechte um eine baldige Abfahrt. Den Geruechten zu Folge sollten die Fluechtlinge per Eisenbahn an die Adria gelangen und von einem Hochsee-Schiff uebernommen werden. Doch nichts geschah, ausser dass noch etwa 200 Fluechtlinge, meist junge Juden aus Polen, zu den in Kladovo festsitzenden stiessen.
In der zweiten Septemberhaelfte 1940 aenderte sich die Situation: die Fluechtlinge wurden 300 km flussaufwaerts in ein Lager bei Sabac/Zasavice in Serbien verlegt. Allerdings besserten die materiellen Bedingungen, es gab kulturelle und andere Beschaeftigungen, Sport, Weiterbildungskurse, Lehrtaetigkeit und Unterstuetzung durch die Belgrader juedische Gemeinde. Unterdessen erhielten etwa 200 jugendliche Fluechtlinge Zertifikate und Mitte Maerz 1941 fuhren sie nach Palestina. Ihren Berichten und Fotographien verdanken wir unsere Informationen.
Doch dann nehmen die Ereignissen eine dramatische Wendung:
In der ersten Aprilwoche 1941 ueberfallen deutsche Truppen Jugoslawien. Nach 11 Tagen kapituliert die jugoslawische Armee.Die Juden und Juedinnen des Kladovo-Transportes werden in einem Barackenlager interniert. Im Juli beginnen jugoslawische Partisanen unter der Fuehrung von Josip Broz Tito den Aufstand gegen Hitlers Truppen. Der Nazi-General Boehme befiehlt, fuer jeden gefallen deutschen Soldaten 100 Jugoslawen zu erschiessen. Als Erstes werden Juden verhaftet und als Geiseln erschossen. Am 12/13 Oktober 1941 werden saemtliche maennlichen Juden des Lagers Sabac erschossen, unter den Opfern befand sich hoechstwahrscheinlich auch Walter Baer. Auf Boehmes Konto gehen rund 30,000 Morde. Die zurueckgebliebenen Frauen im Lager wurden im Ungewissen gelassen, ja sogar mit Ausreden hingehalten.
Anfangs Januar 1942 werden Frauen und Kinder von Sabac ins KZ Sajmiste (in Deutsch: Semlin) bei Belgrad verbracht. Ab Ende Maerz werden mittels Gaswagen taeglich die Frauen und Kinder getoetet, wahrscheinlich war auch Frieda Marx unter ihnen., Anfang Mai gab es keine Juden mehr. Das war das Ende eines zweijaehrigen Leidensweges.
General Franz Boehme beging im sogenannten alliierten Nachfolgeprozess am 29.5.1947 in seiner Zelle Selbstmord. Im Januar 1969 wurde der ehemalige Kommandant des KZ Sajmiste, Herbert Andorfer, wegen Mordes in 6000 Faellen in der BRD zu 30 Monaten Haft verurteilt. Er wurde 97 Jahre alt und starb 2008 in Oesterreich.

Rafi Siano, Haifa, 13.03.2013