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Die Synagoge in der Rochusstraße - mit eingehender Darstellung der Synagogen in Bingen

Das Bauwerk und seine Geschichte

Vortrag anlässlich der Präsentation des Synagogenmodells in der Volkshochschule Bingen am 28. Januar 2007; von Dr. Josef Götten

Sehr geehrte Damen und Herren!

Im Zuge der Judenemanzipation im 19. Jhdt. im Rheinland zunächst durch die französische und später auch durch die großherzoglich-hessische Regierung hatten sich – wie auch andernorts - in Bingen zwei jüdische Gemeinden formiert.
Die Mehrheit der Juden in Deutschland war damals liberal eingestellt und reformorientiert: Was den Kultus betraf, glich sie nicht nur die äußere und innere Raumstruktur der Synagogen christlichen Kirchen an, sondern ließ auch die deutsche Sprache im Gottesdienst zu sowie Orgel- und Chormusik.
Dieser Geist hatte auch die meisten Mitglieder der großen Jüdischen Gemeinde in Bingen erfasst. Während diese sich fortan „Israelitische Religionsgemeinde“ nannten, hielt eine orthodoxe Minderheit weiterhin streng an den jüdischen Gesetzen und den tradierten Kultformen fest und firmierte unter dem Namen „Israelitische Kultusgesellschaft“.

Seit 1872 feierte diese ihre Gottesdienste in einer eigenen Synagoge in einem kleinen Haus in der Amtsstraße 13, in dem früher die Judenschule war. „Synagoge der armen Juden“ hieß sie bei den Bingern.

Die liberale größere Gemeinde blieb weiterhin in der Synagoge in der Rheinstraße, die im Jahre 1700 eingeweiht worden war und an der Stelle der vermutlich ersten Binger Synagoge aus dem 14. Jhdt. stand.

Trotz verschiedener Umbauten und Erweiterungen im Laufe des 19. Jhdts. und trotz des Auszugs der orthodoxen Gemeindemitglieder war das Gebäude für die stattlich angewachsene Israelitische Religionsgemeinde zu klein geworden und in einem bautechnisch schlechten Zustand.

Jahrelang erwogene Umbaupläne wichen schließlich der berechnenden Erkenntnis, dass ein Neubau nicht teurer sein würde als ein Umbau.
So beschloss der Gemeindevorstand, die Synagoge samt den dazugehörenden Gebäuden zu verkaufen.

Ihr erster Besitzer war Friedrich Wilhelm Klump, der Großvater des hier anwesenden Wilhelm Klump, der darüber Interessantes zu erzählen weiß. Nachdem dort zuerst ein Gasthaus mit Tanzboden und Fremdenzimmern eingerichtet worden war, diente der Bau in veränderter Form später als Diskothek und seit längerem nun als geschätztes Haus der Jugend.

Für 40.000 Mark erwarb sodann die Jüdische Gemeinde den Wingert des Juden Feist zwischen hochragenden Wohnhäusern in der Rochusstraße als Baugrundstück.
Den Architektenwettbewerb für den Neubau gewann der renommierte jüdische Professor Ludwig Levy aus Karlsruhe, der auch am Entwurf des Reichstagsgebäudes beteiligt gewesen war, mit seinem am romanischen Kirchenbaustil orientierten Projekt.

Das war damals der Trend. Vom orientalisch-neomaurischen Prachtstil, wie ihn auch Levy noch in den achtziger Jahren in der Pforzheimer und der Kaiserslauterner Synagoge realisiert hatte, um die Eigenständigkeit des Judentums und seine Herkunft aus dem vorderen Orient zur Schau zu stellen, war man inzwischen abgekommen. Um die Jahrhundertwende wandte man sich „deutschen Baustilen“ zu, um die Zugehörigkeit der Juden zum deutschen Volk öffentlich zu demonstrieren. Sahen doch damals die deutschen Juden nach Meinung von Salomon Korn im deutschen Vaterland das „neue Jerusalem“ (Synagogen, S.16).

Diesen Gedanken entfaltet unvergleichlich treffend Salomon Korn, Architekt in Frankfurt und dort im Vorstand der Jüdischen Gemeinde, in dem im Jahre 2005 bei Philipp von Zabern erschienenen wunderbaren, reich illustrierten und sehr informativen, in jeder Hinsicht gewichtigen Band „Synagogen. Rheinland-Pfalz / Saarland“. ( Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz mit dem Staatlichen Konservatorenamt des Saarlandes und dem Synagogue Memorial Jerusalem).
„Über allem stand der Wille, Teil der deutschen Nation zu sein“, schreibt er dort in seiner „Einführung über Wesen und Architektur der Synagoge“, und fährt fort: „Und so strebten die Juden in Deutschland an, ihre gesellschaftlich stigmatisierte Bezeichnung abzulegen und sich fortan ‚Israeliten' zu nennen. Ihre Synagogen aber wandelten sie in Tempel um. Dies war mehr als eine bloße Umbenennung, es war programmatisch: Nicht mehr das ferne Palästina, sondern Deutschland betrachteten sie von nun an als ihr gelobtes Land. Nicht mehr in Zion, sondern in Deutschland sahen sie den Ort, an dem der messianisch verheißene Tempel zu bauen sei. Und so entstanden in vielen deutschen Ortschaften neue große jüdische Tempel, die weithin sichtbares Bekenntnis der deutschen Juden – der israelitischen Deutschen - zu ihrem neuen gelobten Land waren. Liberale Strömungen innerhalb des Judentums gewannen die Oberhand und glichen ihre Syna- gogen in Stil und Architektur zunehmend stärker dem Kirchenbau an. ... Synagogen-Kirchen: die neuen Tempel der deutschen Israeliten.“ (S.17 f.)

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