. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Jüdisches Bingen

von Beate Goetz

Wie aus angesehenen Bürgern Verfolgte wurden

Die Synagoge in der Rochusstraße war der Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Bingen. Das Foto zeigt den Thoraschrein und die dahinter liegende Orgelempore mit Blick in die Kuppel. Foto: Ing. Karl Berrenberg (1903-1973) Haan

Wie konnte es zu diesen ungeheuerlichen Übergriffen in der "Reichspogromnacht" kommen? Hatten doch die deutschen Juden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bis zur Machtergreifung Hitlers ihren festen Platz in Staat und Gesellschaft. Sie waren auch in Bingen anerkannte Ärzte, erfolgreiche Anwälte und wohlhabende Unternehmer und Kaufleute.

In Briefen ehemaliger Binger Juden kommt immer wieder zum Ausdruck, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinde bis 1933 regen Anteil am kulturellen Leben der Stadt sowie allen frohen und ernsten Ereignissen nahmen. Binger Juden waren gern gesehene Mitglieder in Vereinen, gehörten den Freimaurern an, waren aktive Feuerwehrleute, fungierten als Kunst- und Kulturmäzene und zeichneten sich durch Stiftungen zu wohltätigen Zwecken aus. Die bedeutendste Stiftung, von der Stadtgemeinde verwaltet, machte Samuel Friedberg 1876 zugunsten der Armen aller Bekenntnisse. Sigismund Fridbörig war lange Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und 1831 Mitglied des Stadtrats. Im Jahr 1898 wurde dem angesehenen Binger Arzt Dr. Isaac Ebertsheim die Ehrenbürgerwürde verliehen. Ida Dehmel-Coblenz, die Gründerin der deutsch-österreichischen Künstlerinnenvereinigung Gedok, war ebenfalls eine Binger Jüdin. Zu den Opfern des Ersten Weltkrieges zählten auch 19 Mitglieder der Binger jüdischen Gemeinde, die als "Deutsche jüdischen Glaubens" ihre Treue zum Vaterland mit dem Leben bezahlten. Im Jahr 1900 lebten 713 Juden in Bingen, das waren 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, 1933 waren es noch 471 und 1939 nur noch 222 Einwohner jüdischen Glaubens.
Mit Beginn des nationalsozialistischen Regimes und seiner fanatischen Rassenpolitik wurden die Lebensbedingungen für die Juden schwieriger, der Bewegungsspielraum immer mehr eingeschränkt. Es kam zur Ausschaltung der Juden aus dem kulturellen Leben, was bedeutete, dass jüdische Künstler nicht mehr öffentlich auftreten durften, Werke jüdischer Autoren und Komponisten sowie die jüdische Presse verboten wurden.
Die "Nürnberger Gesetze" vom 15. September 1935 boten die Grundlage für alle künftigen antijüdischen Gesetze und Verordnungen. Das "Reichsbürgergesetz" machte den Juden zum Reichsangehörigen im Gegensatz zum nichtjüdischen Reichsbürger mit der Konsequenz, dass nur der Reichsbürger die vollen politischen Rechte besaß. In diesem Zusammenhang wurde auch genau definiert, was der Nationalsozialismus unter dem Begriff "Jude" verstand. Das zweite Rassengesetz, das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", verbot unter Strafe die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden.
Hatte schon sehr früh die allmähliche Ausschaltung der Juden aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens begonnen, so wollte man auf den enormen Beitrag der jüdischen Geschäftsleute zur deutschen Wirtschaft vorerst noch nicht verzichten, weshalb sich viele Kaufleute noch lange in Sicherheit wähnten. 1937 setzte die zwangsweise Arisierung jüdischer Unternehmen verstärkt ein, was bedeutete, dass jüdisches Eigentum oft weit unter dem tatsächlichen Preis den Besitzer wechselte. Im Frühsommer 1938 folgte eine Verordnung, die die Juden zwang, ihr Vermögen, wenn es 5000 Reichsmark überschritt, anzuzeigen; jüdische Gewerbebetriebe mussten angemeldet und als solche gekennzeichnet werden. Im Juli und September wurden den jüdischen Ärzten die Approbation und den jüdischen Anwälten die Zulassung ihrer Kanzleien entzogen.
Mitmenschliche Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden, bislang Normalität, wurden immer schwieriger oder fanden im Geheimen statt. Bei Juden durfte nicht mehr eingekauft werden, auch wurde 1936 die Rassentrennung in allgemeinen Schulen verordnet, was aber nicht überall konsequent durchgeführt wurde. Lisa Japha geborene Gross (1921-2013), die zuvor das Lyzeum in der Rochusstraße, die staatliche Oberschule für Mädchen, besucht hatte, wechselte Ostern 1937 ins Philanthropin nach Frankfurt, "da der Antisemitismus im Lyzeum zu groß wurde".
Hans Natt teilte man nach erfolgreichem Abschluss der Quarta am Binger Gymnasium mit, dass hier kein Platz mehr für ihn sei; er wechselte zur Berlitz Schule nach Mainz und lernte Englisch und Spanisch. Auch Schmarjahu (Siegfried) Marx (1918-2011), ein Gärtnerlehrling, verließ 1935 seine Familie und Bingen und ging nach Palästina, da ihm sein Lehrherr unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass es für seine weitere Ausbildung keinerlei Aussichten mehr gebe.
Die Tatsache, dass Marianne Nathan bis November 1938 mit noch zwei anderen jüdischen Mädchen die Quinta des "Institut St. Mariä" (Vorgängerschule der heutigen Hildegardisschule) besuchen konnte, erklärt sich daraus, dass das Institut als private Schule der Maria Ward-Schwestern noch gewisse Privilegien genoss, bevor zu Ostern 1939 die Auflösung aller Privatschulen angeordnet wurde. Aber auch hier mussten bestimmte Rituale eingehalten werden, um peinlichen Untersuchungen durch die Nationalsozialisten zu entgehen. In der Schulchronik aus dieser Zeit heißt es: "Flaggenhissung fand regelmäßig zu Beginn und Schluß eines Schulzeitraumes statt. Reihenfolge: Die Direktorin oder ein Mitglied des Lehrkörpers sprach kurz und brachte das "Heil" auf Führer und Vaterland aus. Eine Schülerin sagte einen Spruch auf. Es folgte das Kommando "Heißt Flagge!" oder "Holt Flagge!". Alle grüßten mit erhobenem Arm. Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, je die erste Strophe, mit erhobenem Arm." Schülerinnen, die wegender regimekritischen Einstellung ihrer Familien den Hitlergruß nachlässig ausführten, wurden gerügt und auf mögliche Konsequenzen hingewiesen; es gab ja schließlich auch Töchter aus sehr linientreuen Elternhäusern am Institut, die solche Vorkommnisse unter Umständen melden konnten.
Die Stimmung in der Bevölkerung war beklemmend, und man war sehr auf der Hut, was man wem anvertraute; man fürchtete die Denunzianten.