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Jüdisches Bingen

von Beate Goetz

Das Ende der Binger Synagoge
Augenzeugen- und Zeitungsberichte

Das Foto von Günter Kleinz zeigt das Ausmaß der Zerstörung der Synagoge. Es entand kurz vor dem Abriss der Ruine

Das war die Ausgangslage, als am 7. November 1938 die Nachricht durch die Weltpresse ging, daß am Vormittag Herschel Felber Grynszpan, ein junger deutsch-polnischer Jude, den deutschen Legationsrat Ernst vom Rath in der deutschen Botschaft in Paris angeschossen habe, der Zustand des Opfers sei so ernst, dass mit seinem Ableben gerechnet werden müsse. Über die Hintergründe, die zu diesem Attentat führten, gibt es unterschiedliche Auslegungen. Das nationalsozialistische Regime jedoch hatte endlich einen willkommenen Anlass, die schon lange geplante totale Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben radikal durchzuführen. Letzter Anstoß zu den im ganzen Reich nach gleichem Muster ablaufenden Pogromen war die feurige Hetzrede Göbbels, die dieser bei der Gedenkfeier zum 9. November 1923, dem Marsch auf die Feldherrnhalle, am Abend in München hielt und in deren Verlauf die Nachricht vom Tod von Ernst vom Rath eintraf.
Auch in Bingen hatte man sich an diesem Abend versammelt, wie die „Rhein-Nahe-Zeitung" vom 10. November 1938 auf ihrer Binger Seite berichtet: „Und wieder wie jedes Jahr prangte Bingen in flammendem Schmuck der stolzen Fahnen des Dritten Reiches, galt es doch die Männer zu ehren, die ihre Treue zu Führer und Vaterland mit ihrem Herzblut besiegelten. Auf dem Marktplatz grüßten silbern von schwarzem Grund die unvergänglichen Namen der Gefallenen vom 9. November 1923. Deutsche Jungen, wie Standbilder aus Stein, hielten die Totenwacht. Am Abend waren alle Formationen, alle Gliederungen der Partei und fast ganz Bingen im großen Saal der Festhalle vereint, um derer zu gedenken, die für das große deutsche Vaterland ihr Leben ließen."
Somit war auch in Bingen der Boden bereitet, daß es im Anschluss an diese Veranstaltung zu antijüdischen Demonstrationen in der Stadt kommen konnte. Ein Feuer, das noch in derselben Nacht in der Synagoge in der Rochusstraße gelegt worden war, konnte durch den Synagogendiener gelöscht werden. Am Nachmittag des 10. November jedoch drangen SA-Leute und fanatische Nazianhänger erneut in die Synagoge ein, verwüsteten die Inneneinrichtung, zerstörten die Orgel und schlugen am Portal die Köpfe der steinernen Löwen ab. Dann wurde die Synagoge in Brand gesteckt, die Feuerwehr zwar alarmiert, aber sie verhinderte nur, dass das Feuer auf die benachbarten Häuser übergriff. Die Synagoge brannte völlig aus. In der Innenstadt wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert.
Am 11. November faßten der "Mittelrheinischer Anzeiger" und die "Rhein-Nahe-Zeitung", wie überall im Reich, die ungeheuerlichen Ereignisse in nahezu gleichlautende Worte wie "gerechter Zorn des Volkes, starke Erregung und Empörung der Bevölkerung, gewaltige Protestdemonstrationen gegen den feigen Mord in Paris", verbunden mit der Forderung nach Entfernung aller Juden aus Deutschland.
Der gesteuerte Pogrom, der von langer Hand vorbereitet worden war (etwa Kennzeichnung der jüdischen Geschäfte, im Juni zusammengestellte Verhaftungslisten im Polizeipräsidium Berlin und die im Juli angeordnete Erweiterung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald), wurde in der gleichgeschalteten Presse als spontane Reaktion der Bevölkerung auf das jüdische Attentat in Paris dargestellt und somit die Verantwortung für das Geschehen dem deutschen Volk zugeschoben.
Die "Rhein-Nahe-Zeitung" auf der Binger Seite dazu: "Bei der Durchsuchung verschiedener Wohnungen und Geschäfte stieß man bezeichnenderweise auf große Vorräte an Eiern, Butter, Schmalz und so weiter. Im Laufe des gestrigen Tages brannte die hiesige Synagoge ab. Damit hat die Hochburg des Binger Judentums ihr Ende gefunden." Auch die kleine Synagoge der orthodoxen Gemeinde in einem Wohnhaus in der Amtstraße 13 wurde geschändet. Man hatte die jüdischen Gemeinden an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen, ihnen die letzte Zufluchtsstätte genommen.
Herbert Brück (1923-2011), der nach der Flucht in Chile lebte, stellte dar, was er damals empfand: "Es muß wohl Anfang des Jahres 1939 gewesen sein, als es einer kleinen Gruppe jüdischer Mitbürger erlaubt wurde, die ausgebrannte Synagoge in der Rochusstraße zu besuchen, wohl um zu sehen, ob noch irgendwas vorhanden war. Ich befand mich unter diesen paar Leutchen, die verängstigt die Tür aufmachten. Der Eindruck war unbeschreiblich und ist mir bis zum heutigen Tag in ewiger Erinnerung geblieben. In den Räumen, die durch die Umstände erzwungen zu unserem zweiten Heim geworden waren, waren nur noch verkohlte Wände, zerhackte Möbel und in Feuchtigkeit schwimmender Unrat und verkohlte Reste des einstigen Mobiliars. Wenn man den Blick erhob, sah man anstatt der früheren Kuppel den blanken Himmel. Wo wir an den Feiertagen in erhobener Stimmung unsere Gebete gesagt hatten, wo einst über 60 Thora-Rollen, eine recht beträchtliche Anzahl für so eine kleine Gemeinde, gestanden hatten, war nun eine ganze Epoche und Tradition brutal zerstört worden. Wir wußten darum und empfanden, daß uns der Boden von unseren Füßen gezogen war. Es war das Ende."