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Jüdisches Bingen

von Beate Goetz

Was aus den Synagogen und Kultgegenständen geworden ist

Immer wieder wurde die Frage nach dem Verbleib von Kultgegenständen der als sehr wohlhabend geltenden Binger jüdischen Gemeinde gestellt. Einem Zeitungsartikel des "Neuer Mainzer Anzeiger" vom 16. April 1946 zufolge soll das städtische Museum einige Gegenstände sichergestellt haben, die dann später in den Besitz der Kriminalpolizei übergegangen sein sollen. Weder im Stadtarchiv noch bei der Polizei gibt es Aktenvermerke, die Hinweise geben könnten. Hier scheint man, als das Ende des "Tausendjährigen Reiches" sich immer mehr abzeichnete, genauso gründlich die Spuren beseitigt zu haben, wie dies in Vereinschroniken und im Berichtsheft der Feuerwehr geschah, wo ganze Seiten fehlen, die über Geschehnisse dieses Zeitraums Aussagen machen könnten.
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz Ende der 1990er Jahre, Esther Epstein, deutete zwei weitere Möglichkeiten an: Zum einen sei bekannt, daß die Nationalsozialisten nach 1938 in Prag ein "Museum für entartete jüdische Kunst" geplant hatten, wohin viel Material gebracht worden sei. Zum anderen tauchten bis heute noch bei Antiquitätenhändlern jüdische Kultgegenstände auf, die aus privaten Plünderungen stammten und die die jüdischen Gemeinden, wenn sie davon Kenntnis erhalten, zurückkaufen. Auch sei es kein Geheimnis, daß bei Juwelieren Tafelsilber aus ehemals jüdischem Besitz umgraviert wurde. Als sicher gilt, daß eine Mainzer Thora aus Bingen stammt; sie sei seitlich signiert. Die Mainzer jüdische Gemeinde verwendete sie zur Amtszeit von Esther Epstein laut ihrer Aussage beim wöchentlichen Gottesdienst. Die beiden wertvollsten Stücke, die 1905 vor dem Verkauf der alten Synagoge dort entfernt und in eine Wand der neuen Synagoge eingebaut worden waren, befinden sich heute im Bezalel-National-Museum in Jerusalem. Es handelt sich zum einen um eine zweiflügelige eiserne, mit hebräischen Schriftzeichen versehene Eingangstür, die nach dem Synagogenbrand von 1789 von dem Gemeindevorsteher Chajim bar Aron Friedburg als Weihegeschenk dem wiederaufgebauten Gotteshaus gestiftet worden war. Sie war in die Südwand der alten Synagoge eingelassen, da der Zugang zur damaligen Synagoge durch ein der Gemeinde gehörendes Wohnhaus in der Judengasse (heute Rathausstraße) führte. Auch die 80 mal 70 Zentimeter große Rosette aus rotem Sandstein aus derselben Zeit war an der Südseite der alten Synagoge eingelassen. Solche Steinrosetten waren, so Rabbiner Grünfeld, in fast allen Vorhöfen kleinerer Gotteshäuser in Rheinhessen vorhanden und dienten als Traustein. Bis 1832 fanden in Bingen an dieser Stelle unter freiem Himmel die Trauungen statt. Zwischen den acht Strahlen der Rosette stehen acht hebräische Buchstaben für die Anfangsbuchstaben eines bei Trauungen zitierten Prophetensatzes. Unterhalb des Sternes befinden sich zwei Füllhörner, die Symbole des Glücks und des Segens darstellen; auch auf ihnen stehen die hebräischen Anfangsbuchstaben eines Psalmwortes.
Aus einem Briefwechsel der Stadtverwaltung mit unterschiedlichen Adressaten geht hervor, daß diese beiden Relikte 1964 der Stadt Köln als Leihgabe für die im Kölnischen Stadtmuseum ausgerichtete Ausstellung "Monumenta Judaica" übergeben wurden. Noch während der Ausstellungsdauer bat die Mission d'Israel die Stadt Bingen um die "geschenkweise" Überlassung der wertvollen Ausstellungsstücke.
Nachdem die jüdische Gemeinde in Mainz, die treuhänderisch die Angelegenheiten der ehemaligen Binger Gemeinde verwaltet, zugestimmt hatte, wurden Tür und Traustein in den Bestand des National-Museums in Jerusalem aufgenommen. Ein stark beschädigter abgeschlagener Löwenkopf und eine reich verzierte Säule, vermutlich aus der Synagoge in der Rheinstraße, liegen im Eingangsbereich des jüdischen Friedhofs, an der Stelle, wo einst die Trauerhalle stand. Beide Relikte verdienten eine geschützte Unterbringung, um sie vor weiterer Verwitterung zu bewahren.
Eine bewegende Geschichte ließ Herbert Brück bis zu seinem Tod nicht los. Anfang 1939 durfte er mit einigen wenigen Gemeindemitgliedern die ausgebrannte Synagoge betreten: „Plötzlich beugte sich der Sohn des Schuhmachers Keller zu Boden und fand unter dem Unrat eine Jad. Das ist ein Gegenstand von etwa 20 cm aus Silber, an dessen Ende sich eine kleine Hand befindet und mit einem ausgestreckten Zeigefinger, der am Schabbat benützt wird, um dem Text der klein geschriebenen Thora zu folgen. Das war das Letzte, das noch übrig geblieben war.
Das Zeichen war eindeutig. Meinen Eltern gelang es in letzter Stunde, ein Visum für Chile zu bekommen, wo ich seitdem lebe und eine Familie habe. Viele andere, die ich persönlich kannte, haben es nicht geschafft.“
Die Frage bleibt offen, ob die kleine Jad zu den wenigen Habseligkeiten gehörte, die Familie Keller im März 1942 vor ihrer Deportation in den Koffer packte oder ob sie zusammen mit weiterem jüdischem Eigentum bei der Räumung des „Judenhauses“ in der Gaustraße 11 nach Abschluss der Deportationen in andere Hände überging.
Die Synagogenreste und das Grundstück waren nach der Zwangsarisierung allen jüdischen Eigentums durch Verkauf an den Binger Winzerverein übergegangen, der zeitweise in dem rechten erhaltenen Gebäudeteil ein "Weinlokal mit Musik und Tanz" unterhielt. Im Zuge der Restitution Anfang der 1950er Jahre  gelangten die Gebäudereste und das Gelände an die Jüdische Gemeinde Mainz als Rechtsnachfolgerin der Binger Gemeinde.
1960 ging das Gelände an die Bezirkswinzergenossenschaft über mit der durch die Stadt und den Landkreis erhobenen Auflage, das Gebäude abzureisen oder alle Zeichen, die an die ehemalige Synagoge erinnerten, zu beseitigen. Da die Bezirkswinzergesellschaft ihren Verpflichtungen nicht nachkam, wurde der Verkauf rückgängig gemacht, worauf die Jüdische Gemeinde Mainz der Stadt Bingen mehrfach das Gelände mit den Gebäuderesten anbot. Erst 1961 stimmten die städtischen Gremien einem Erwerb zu. Bereits damals hatte man vor, die Freiwillige Feuerwehr in dem rechten erhaltenen Gebäudeteil unterzubringen, was aber erst 1973 im Zuge der Abrissarbeiten der Ruine verwirklicht werden konnte.
Ob diese politische Entscheidung eine glückliche war, sei dahingestellt, angesichts der Überlegung, daß die Feuerwehren bei den Synagogenbränden eine äußerst umstrittene Rolle gespielt hatten. Auch bringen immer wieder ältere Binger ihren Unmut über die Darstellung des heiligen Florian, des Schutzpatrons der Feuerwehr, auf der Wand am erhaltenen Fassadenteil zum Ausdruck. Die Unkenntnis dessen, was 1938 an dieser Stelle geschah, war vermutlich Grundlage für diesen unsensiblen Fassadenschmuck.