. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

8. Stolpersteinverlegung in Bingen am 7.11.2017

Mehr als Betonklötzchen mit Namensplatten
AZ 08.11.2017 Bericht von Jochen Werner: In bingen erinnern zehn weitere Stolpersteine an Depotation und Ermordung des NS-Regimes

BINGEN. Über 63000 „Stolpersteine" hat Gunter Demnig in den letzten 25 Jahren verlegt. Die knapp 10 mal 10 Zentimeter großen, kleinen Gedenktafeln aus Messing erinnern zwischen Tromsö und Thessaloniki, zwischen Bordeaux und Orjol (südlich von Moskau) in 21 Ländern an die Opfer nationalsozialistischer Gräuel im Zweiten Weltkrieg. An die Schicksale der Menschen, die verfolgt, deportiert, vertrieben ermordert oder in den Selbstmord getrieben wurden.
Demnig hat längst Routine in dem, was er tut. Die Stellen, in denen die Stolpersteine niveaugleich in den Straßen-oder Bürgersteigbelag der Häuser eingelassen werden, in denen die Opfer zuletzt als freie Menschen lebten, sind vorbereitet. Für die Arbeit selbst reichen dem Künstler wenige Minuten. Mit seinem Projekt hat der in Berlin geborene Künstler mit Atelier in Frechen bei Köln das größte dezentrale Mahnmal der Welt geschaffen.
Es geht um die Menschen und ihre Geschichten
Zehn weitere und damit genau 115 Steine liegen seit gestern in Bingen. Rund 120 Euro kostet jeder von ihnen. Um das Geld allein geht es aber nicht. Es geht um die Menschen, die das Schlimmste erleiden mussten. „Der Anblick der Stolpersteine war, als sehe man zum ersten Mal die Gräber von Menschen, die nie die Würde hatten, beerdigt zu werden. Es war ein sehr ergreifender Augenblick", zitierte Hermann-Josef Gundlach, Vorsitzender des Arbeitskrei-ses Jüdisches Bingen, Ron und Gail Leeser. Das Ehepaar aus Connecticut/USA hatte im Frühjahr die Stadt besucht, weil die Großeltern Sally und Ida Sommer hier gelebt hatten. Beide gehörten zu 150 Binger Bürgern, die deportiert und ermordet wurden.
Stolpersteinverlegungen in Bingen sind mehr als das Eingraben von Betonklötzchen mit aufgesetzten, von Hand gravierten Namensplatten.
Beate Götz erinnert vor Ort an die Menschen, die sich hinter den Täfelchen verbergen, gibt zu den Lebensläufen Bilder herum, die Demnigs abstrakte Tätigkeit lebendig machen. „Ich lese immer, was auf den Tafeln steht. Jede Inschrift geht über meinen Schreibtisch", erklärte der Ideengeber und Ausführer. Überhaupt findet er die Binger Methode, immer wieder neu an die Menschen zu erinnern, gut. Zum achten Mal war er bereits seit 2005 am Rhein-Nahe-Eck. Gerade für junge Leute und die, die sich ein solches un-menschliches System nicht vorstellen können, sei es besser, wiederholt daran erinnert, nicht auf einmal mit der Gesamtheit konfrontiert zu werden. Einzelschicksale bewegen mehr als solche großer Massen, in denen das Grauen untergeht.    Unlebendig. Gegenstandslos. Unanschaulich. Zudem sei die Wiederholung wichtig, um die Erinnerung wach zu halten und das Gesprächsthema zu bewahren.

Stetig steigendes Interesse an Mahnmal

Demnig berichtet aber auch über Erlebnisse, die ihn unlängst in den Niederlanden begleiteten: Einmal musste er eine Verlegung wegen des Alters und Gesundheitszustandes eines Opfers vorziehen. Zum anderen wollte ein Auschwitz-Überlebender auch seinen Stein, „und er war glücklich, dass er dadurch mit den Eltern vereint sein konnte", berichtete der 70-jährige Künstler und wusste, dass das Interesse an seinem Mahnmal ständig steigt.

BINGER BÜRGER
Mit den am Dienstag verlegten zehn Stolpersteinen erinnert sich Bingen an Arthur und Maya Hecht, David und Jenny Friedmann, Amelie Durlacher, Simon Berg, Eugen und Paula Mandel und die Geschwister Fritz und Lilli Hohmann.

Bericht Beate Goetz: Von der Hindenburganlage in den Tod

Die AZ wird in loser Folge die Lebensgeschichte der Binger in einer Serie nacherzählen.

Lesen Sie hierzu auch:

Die Allgemeine Zeitung Bingen widmet dieser Aktion eine Serie von Beiträgen zur Erinnerung an das Schicksal Binger Juden .

AZ-Serie 1 vom 04.11.2017: Verschleppt und ermordet (Binger Ehepaar David und Jenny Friedmann)

AZ Serie 2 vom 06.11.2017: Verschleppt und ermordet (Arthur und Maya Hecht)

AZ-Serie 3 vom 13.11.2017: In den Freitod getrieben (Lilli und Fritz Hohmann)

AZ-Serie 4 vom 29.11.2017: Im Ghetto gestorben (Simon Berg)

AZ-Serie 5 vom 05.01.2018: Den Holocaust überlebt (Mathilde Amelie Durlacher)