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Erinnerungen einer Binger Jüdin - AZ-Serie in 6 Teilen

Mathilde Mayer mit ihrem Mann Marx während eines Ferienaufenthalts in einem Badeort im Juni 1931. Sie war damals 62 Jahre alt Bild: privat

"Das waren noch vergnügte Zeiten"
AZ-Serie 'Erinnerungen einer Binger Jüdin' (2): Frohnatur Marx Mayer und der Karneval
BINGEN - Mein Mann Marx war eine Frohnatur, ein lebensbejahender Charakter, der es verstand, sich überall Freunde zu machen. Er war ein guter Tänzer, tanzte sehr gern, und selten fehlten wir in jungen Jahren auf dem Neujahrsball im Cäcilienverein. Die drei Karnevalstage waren seine höchsten Feiertage, da wurde so wenig wie möglich gearbeitet, bis tief in die Nacht hinein getanzt und sich amüsiert. Meist waren wir am Samstagabend im Cäcilienverein, Sonntagabend wurde im Hotel Victoria gegessen und geschwätzt, Montag im Starkenburger Hof und Dienstag im Domino und in der Maske Bekannte und Freunde verulkt und die Wahrheit gesagt, was Marx sehr gut verstand. Das waren noch vergnügte, schöne Zeiten. Bis ein und zwei Uhr war ich ganz gern dabei, hatte dann genug und wäre lieber nach Hause gegangen, aber Marx konnte sich nicht so früh trennen. Einmal, ich weiß nicht mehr wo und in welchem Jahr, bat ich ihn, um zwei Uhr doch mit mir nach Hause zu gehen. Er sagte 'Ja, bald'. Als ich nach einer halben Stunde wieder bat, bekam ich dieselbe Antwort, bis er um vier Uhr endlich nachgab. Dies habe ich nie mehr versucht, ich wartete, bis er genug hatte, und wir waren dann oft schon zeitig zu Hause.
Es waren gewöhnlich fünf bis sechs Sitzungen im Jahr, eine davon war eine Damensitzung. Dazu wurden die Frauen und heranwachsenden Töchter auch zugelassen, und ich erinnere mich gut, dass ich noch ledig mitdurfte, ein blaues Kleid mit weißen Streifen, neu von Fräulein Christmann geliefert, anhatte, hoffend Marx Mayer zu gefallen. Lange Jahre war Isidor als Kassierer beim Komitee und hatten Willy und Ernst, solange sie zur Schule gingen, in Bingen ihre Freude an den Liederbüchern und den Kappen.
Es drängt mich hier ein wenig, von dem Karnevalverein zu erzählen. Bingen war trotz der kleinen Bevölkerung schon immer ein kultiviertes, fortschrittliches Städtchen. Das merkte man besonders in den Wochen von Neujahr bis Fastnacht, wenn der Karnevalverein tagte.
Da gab es keinen Unterschied der Klassen. Mit dem Kauf von Liederbuch, Kappe und Stern für nur drei Mark war man Mitglied des Vereins und hatte das Recht in Rede oder Gesang in anständiger, witziger Art alle Ereignisse des Städtchens während des ganzen Jahres zu verulken und zu kritisieren. Die Sitzungen fanden jeden Donnerstag im Pariser Hof statt, aus Mainz kam eine gute Kapelle, und das Komitee bestand aus prominenten Binger Bürgen, die stolz auf diese Würde waren.
Es gab viele, besonders viele witzige gute Kräfte unter den Bürgen, jeder Redner wurde beim Klang des Karnevalsmarsches auf das Podium begleitet, und den Applaus und den Lacherfolg hörte man oft durch die ganze Gaustraße. Alle Männer freuten sich auf die Sitzungen und nur besondere Veranlassungen mussten es sein, dass sie fehlten, mochten sie Marx Mayer, Bernhard, Moses oder Julius Groß heißen oder wer sonst.